#2: Löcher

In diesem Beitrag geht es um nichts. Genauer gesagt, geht es um Löcher, obwohl die ja eigentlich auch irgendwas sind.
Diese ambivalenten Entitäten, die sich im Grunde von zweierlei Standpunkten aus beobachten lassen (Das Loch ist das Nichts, oder eben das es umgebende Etwas) spielen die Hauptrolle bei dieser Wanderung, auch wenn wir uns an dieser Stelle schon einmal darauf einstellen müssen, dass wir uns im Zwiespalt über die Hauptakteure dieser Veranstaltung befinden werden. Schließlich ist die Wanderung zu den Eislöchern von Ackpfeif ja auch eigentlich eine Wanderung zum Eis, das sich (auch im Sommer) in den Löchern befindet. Die Voraussetzungen für eine spannende Grundsatzdiskussion zum Thema Löcher und ihre Inhalte wären an dieser Stelle also definitiv gegeben, wir unterhalten uns aber Lieber über die Wanderung selbst. (Für alle, die sich in Sachen Löcherkunde fortbilden möchten, würde ich dringend Max Mayrs preisgekrönten Essay-Podcast >Projekt Clusterfuck< und die >Episode über das gleichnamige Thema< ans Herz legen.)

Ich erlaube mir hier, alle blutigen Details der Wanderung, wie Beschreibungen über sich am Wegesrand säumende Pflanzen auszusparen, da sowas bereits bis zum Exitus in jedem existierenden Wanderführer ausgeschlachtet wurde und das machen wir hier eben einfach nicht. Verklagt mich. Dafür unterhalten wir uns aber über den edgy Undergroundcharakter dieser anscheinend ordinären Wanderung, die ihren künstlerischen Anspruch zwischen unheimlichen Essensevents, avantgardistischen Kunstexponaten und Kunsthochschul-Techno verteidigen muss.

Wenn wir uns normalerweise im südtiroler Kontext einer Wanderung bewegen, dann kann es gerne passieren, dass uns das Bild einer vierköpfigen Familie in den Kopf kommt, die sich manisch über die heimischen Wanderwege hermacht, bevor sie über den heimischen Speck herfällt. Das ist bei dieser Wanderung im ersten Moment nicht anders, da das bundesdeutsche Wort “Wanderung” ein solches Bildnis  gerne eben mal evoziert. Da wir aber den Charakter unseres schönen Festivals hier wie einen Nietenriemen um die Wanderung geschnallt haben, verzerrt sich dieses Bild etwas – und das definitiv zum guten.

Wenn man sich von Lana aus nach Ackpfeif begibt, oder eben wie ich, von Tisens nach Ackpfeif, ist man erstmal ratlos über den Verbleib der Eislöcher. Da man die Dinger gern auf ihren oberflächlichen Charakter als Schotterhaufen beschränkt, und sich davon eben auch einige auf dem Weg zwischen Tisens und Lana befinden, ist man sich im ersten Moment nicht so sicher, wo die Eislöcher dann auch tatsächlich liegen. Zugegeben: In Retrospektive war das YouTube-Video, das ich mir vor der Wanderung reingezogen habe, möglicherweise nicht die aussagekräftigste Grundlage für diese Wanderung, jedoch muss man bedenken, dass ich mich mit meinen 28 Jahren immer noch als Millenial beschreiben darf und deshalb natürlich jedes Internetvideo einer Landkarte, oder eben einem ellenlangen Text über die Thematik vorziehe. Digital Native hieß das, glaube ich.

Ich finde aber, dass gerade der Umstand, dass der Weg zu den Eislöchern nicht unbedingt auffällt, äußerst sympathisch ist und etwas vom Underground-Feeling hat, das wir in der diesjährigen Ausgabe von LanaLive zu bedienen versuchen. Noch dazu schleicht sich hier auch ganz leicht ein sozialkritischer Charakter ein, wenn ich das alles nicht ganz falsch deute.

Die Eigenheit einer Attraktion, die ja eigentlich keine Attraktion sein kann, weil sie eben durch ihren verborgenen Charakter kaum, oder nur wenige Leute anzieht, trifft sich hier irgendwo mit dem ambivalenten Charakter der Löcher, die ja auch nichts, aber trotzdem etwas sind. Besonders charmant wird das dann, wenn diese Attraktion noch nicht einmal bei den Anreinern bekannt ist. “Ich bezweifle, dass es hier Eislöcher gibt. Ich bin nämlich von hier,” meinte der etwas zu selbstbewusste Typ in seinem schwarzen Familienvan zu mir, während wir uns keine 200 Meter unterhalb der Löcher befanden.

Im Kern bieten wir hier keine Wanderung, sondern einen Gang in den Untergrund an. In einen Untergrund der sich über alle Stereotypen des entspannten, Sandalenurlaubs hinweg bewegt und für ein genuines Erlebnis sorgt, dass man so nicht erwartet. Das ist auch deshalb so cool (pun intended), weil dadurch auch eine Diskussion zwischen Porphysteinen über die Sinnhaftigkeit eben genau dieser touristischen Stereotypen entsteht. Schließlich sind wir im Grunde als Touristen ja auch immer auf der Suche nach ebendiesen (Pizza in Neapel, Knödel in Südtirol, Wiener Schnitzel in Wien) und regen uns dabei auch gerne mal darüber auf, dass Venedig völlig von Touristen überlaufen ist, dass die Knödel immer teurer werden und dass das Wiener Schnitzel daheim eigentlich immer viel besser schmeckt. Und irgendwo stimmt das ja auch. Wenn das alleinige Erlebnis eines kalten Loches aber gleich viel “Woahs” und “Ahs” auslöst, wie eine Wanderung entlang der Kanäle von Venedig, muss es sich das Konzept Massentourismus zumindest gefallen lassen, dass die Sinnhaftigkeit seiner Existenz in Frage gestellt wird.

>Der konkrete Weg für die Wanderung kann jederzeit hier eingesehen werden.<

#1: Dunkle Zeiten, dunkle Ecken

Hier sind wir also, LanaLive hat seinen Anfang genommen. Damit geht eine lange Vorbereitungszeit voller Sorgen und Ungewissheiten um die Zukunft dieses einzigartigen Projekts zu Ende. Die Auswirkungen der Pandemie lassen sich offensichtlich auch in der diesjährigen Ausgabe spühren. Normalerweise findet das Festival ja im echten Leben, und nicht im Internet statt. Nun haben Katrin und Hannes die Notwendigkeit des Festivals aber erkannt und deshalb alles daran gesetzt, dass es trotzdem stattfinden kann. Dabei wurden neue kreative Wege gefunden, damit die Künstlerinnen und Künstler trotzdem ihre Arbeit präsentieren und mit den Menschen kommunizieren zu können. Wege, die sich außerhalb der üblichen Facebook-Livestreams und Instagram-Story-Diskussionen befinden auch wenn es davon natürlich auch ein paar gibt. Tatsächich hat man es sogar geschafft die Besucherinnen und Besucher des Festivals aktiv daran Teil haben zu lassen, ohne wirklich irgendwie die eigene Wohnung verlassen zu müssen. Wirklich cool.

Hannes hat mich im letzten Jahr, als ich im Zuge der Veröffentlichung meines ersten Buches bei der Podiumsdiskusison “Schwarzschmied Talks & More” eingeladen war, gefragt, ob ich denn nicht Zeuge für LanaLive werden will. Damals war ich mir nicht ganz sicher, ob ich denn der richtige dafür sei. Mein Leben bestand bis Februar nämlich aus unzähligen Kilometern auf dem österreichischen und italienischen Zugstreckennetz, da ich in Wien und Südtirol lebte und arbeitete. Ich bin viel gereist und hatte notgedrungen ein recht flexiles Leben. Aktuell bin ich das erste Mal seit 8 Jahren mehr als drei Monate durchgehend in Südtirol, was eben auch einer der triftigen Gründe für meine Unentschlossenheit damals war. Wie sollte ich denn schließlich ein zehntägiges Festival beobachten, wenn ich gar nicht mal hier bin um beim Festival selbst dabei zu sein? Nun, wir haben dann ja gesehen, wie sich die letzten Monate gestaltet haben.

Verkatert

Nachdem wir nun irgendwie das Schlimmste überstanden haben (ja, ich bin mir auch nicht sicher), komme ich mir gerade so vor, als würde ich langsam aber sicher, den längsten Kater aller Zeiten, nach einer langen, sehr langen, Partynacht abschütteln. Meine Realität fühlt sich im Moment noch etwas vage und unnahbar an. So wirklich habe ich noch nicht begriffen, dass wir uns schon auf Halbweg ins “normale” Leben befinden. Ich meine, mittlerweile kann man sogar wieder zum Kaffeetrinken in die Stadt fahren. Zwar mit Plexiglas und Schutzmaske, aber trotzdem!

Was ich auch interessant finde, ist, dass sich mein angepasstes Lockdown-Leben quasi auf die “neue Realität” nahtlos übertragen ließ. Ich habe mir direkt beim Beginn der Quarantäne einen fixen Tagesablauf angewöhnt, weil ich es für eine gute Idee hielt und weil ich irgendwann in einem Roman über einen unschuldig Inhaftierten gelesen habe, dass das ein probates Mittel sei, seine Isolation best möglichst zu überstehen. Die Zeit würde so wie im Flug vergehen, und ja, das ist das wichtigste, man hätte keine Zeit darüber nachzudenken in welchem Schlamassel man da gerade steckt. Und tatsächlich: Ich glaube ich habe es noch nie erlebt, dass vier Monate so dermaßen schnell an mir vorbei sind. Jetzt muss man natürlich dazu sagen, dass der “rigide Tagesablauf” auch seine flexiblen Seiten hatte. Ich war zum Beispiel regelmäßig Teil von Skribbl-Abenden (Skribbl ist eine Art Montagsmaler-Klon im Internet) mit Freunden aus aller Welt, was die ganze Sache zumindest auch unterhaltsam machte. Aber eben nicht unbedingt real. Interessanterweise, war dann der erste Kontakt mit meinen Kumpels nicht so außergewöhnlich, wie ich es erwartet hatte. Ich vermute, dass die soziale Überbrückung in den Social-Media-Kanälen tatsächlich Wirkung gezeigt haben könnte. Ein Umstand, der mir irgendwie nicht ganz geheuer ist.

Videocalls

Was mit dem Lockdown unweigerlich einherging, waren Videocalls. Viele Videocalls. Videocalls mit Freunden, Videocalls mit Familie, Videocalls mit Arbeitskollegen und und und. Der letzte Call, den ich hatte, fand mit dem Team von Dunkle Ecken, um Sophie Lazzari und Annika Terwey statt. Die Beiden wohnen in Berlin und studieren an der Universität der Künste. Sophie macht Grafikdesign, Annika widmet sich hingegen dem Mediendesign.

Der Talk war kurz, prägnant und außerordentlich interessant. Man hätte nicht wirklich behaupten können, dass sich auch nur einer der Teilnehmenden außerhalb des Spektrums „unglaublich sympathische und unglaublich talentierte Menschen“ bewegt hätten. Alle waren sehr interessiert daran, was der jeweils andere zu sagen hatte, was in der Kunstwelt, zumindest nach meiner Erfahrung nicht sehr oft vorkommt.

Die Eröffnung

Das war gestern, oder viel mehr vorgestern. Gestern fand dann die Ausstellung statt, die mit der Livesendung auf Radio Tandem ihren Anfang genommen hat. Die Ausstellung hätte eigentlich im Real Life stattfinden sollen, wurde dann aber komplett für den digitalen Raum mit Webseiten, Social-Media-Seiten, interaktiven Live-Streams noch viel mehr Pipapo umgebaut. Ich will mir hier an dieser Stelle nicht herausnehmen, irgendwas zu kritisieren, was wahrscheinlich unter viel Mühe aufgezogen wurde, schließlich bin ich kein stifteschwingender, Schnurrbart- und Barett-tragender Kunstkritiker. Außerdem soll die Ausstellung ja auch jeder selbst erleben. Eine Möglichkeit, die der digitale Raum noch viel mehr provoziert. Vor dem Laptop zuhause hat man schließlich seine Ruhe.

Dunkle Ecken beschäftigt sich mit dem Thema der psychischen Gesundheit. Das passiert so wunderschön kreativ und einzigartig, dass sich ein Abstecher auf die Webseite allemal lohnt. Alleine schon deshalb, weil das Thema psychische Gesundheit gerade in Covid-Zeiten topaktuell ist, und weil wir in Südtirol auch vorher nicht unbedingt eine flächendeckende, psychische Utopie zu verzeichnen hatten.

Die Ausstellung, die sich mit rund 17 Exponaten das größte Event von LanaLive ist, baut auf kein direktes, zusammenhängendes Narrativ auf, sondern ergibt sich durch eine Vielzahl visueller Erzählsituationen auf ihrer Webseite. Die Ausstellung läuft noch bis zum 31. Mai auf http://www.dunkleecken.it und ist jetzt schon wunderbar erfolgreich. Alleine in den letzten 24 Stunden hat die Webseite mehr als 300 Besucher verzeichnen können.

Dunkle Ecken
Von Sophie Lazzari und Annika Terwey
http://www.dunkleecken.com
21.-31. Mai