#3: Blutiges Wochenende

Im letzten Beitrag meiner Zeugschaft für LanaLive ging es um die Eislöcher von Ackpfeif und ihr sozialkritisches Potenzial. Wenn sie den Beitrag gelesen haben, dann wissen sie wahrscheinlich, was ihnen jetzt bevorsteht. Sie haben aber Glück, der heutige Beitrag nämlich einen Ticken mehr Substanz, auch wenn es anfänglich wahrscheinlich nicht den Anschein machen wird. Löcher finden sie in diesem Beitrag nicht, dafür aber eine ganze Menge blutiges.

LanaLive hat sein erstes digitales Wochenende hinter sich und hat damit einen ordentlichen Meilenstein erreicht, der vor ein paar Wochen so noch gar nicht realistisch war. Auch wenn es die sonnigen Temperaturen und die Masken, die nur mehr lasziv, angepasst an ebendiese Temperaturen, von den Gesichtern hängen, nicht den Anschein machen, so befinden wir uns immer noch inmitten einer weltweiten Pandemie mit mehr als einer viertel Million Toten. Die Krise macht, auch wenn es, wie gesagt, nicht so aussieht, auch im Frühling keine Pause, sondern verlangsamt sich höchstens ein Stück weit und gibt uns eine kleine Verschnaufpause. Wie viele Analysten nämlich vermuten, können wir davon ausgehen, dass es in absehbarer Zeit zu einer zweiten Welle kommen wird. Auch deshalb, weil es noch nicht abzuschätzen ist, ob wir denn überhaupt auf eine massentaugliche Impfung erreichen, wie dieser >Guardian-Artikel< anschaulich erklärt. Es ist also klar, das nichts klar ist, außer eben, dass wir in der Krise stecken.

Da es mir hier aber nicht darum geht, dass wir uns hier über den aktuellen Stand der Pandemie unterhalten und weil wir schließlich auch mitten im coolsten transdisziplinären Kunst- und Kulturfestival stecken, dass Südtirol westlich der Etsch zu bieten hat, sollten wir uns, zumindest bis zum übernächsten Absatz, keine weiteren Gedanken darüber machen.
Am Samstag fand die Uncanny Eatery statt, die definitiv eines meiner persönlichen Highlights des ganzen Festivals war. Alleine aufgrund des Umstandes, dass es Manuel Pellegrini es geschafft hat, die Eatery vom mittlerweile bis zur Gänze ausgeschlachteten Live-Stream-Prinzip auszubrechen zu lassen und für eine weitere Dimension zu sorgen macht das Ganze in seiner Summe zu einem ziemlich coolen Erlebnis.

Manuels Performance hat sich aus drei Säulen zusammengesetzt, die sich zusammen zu einem wunderbaren Splatterfest ergeben haben. Manuel hat dabei nicht auf billige Schockeffekte verzichtet, sondern hat diese Schockeffekte in schönster hedonistischer Weise zelebriertBlut und Gedärme als Appetitanreger quasi. Kenner würden hier Parallelen zu Ruggero Deodatos Cannibal Holocaust spinnen, aber darauf verzichten wir jetzt einfach mal, weil wir a) unser Filmgeek-sein außen vor lassen und b) noch eine ganze Menge vor uns haben. Am Anfang der Performance sitzt man mit einem Brief in der Hand und einem offenen VIMEO-Tab am Bildschirm und überlegt sich, wie man denn die ganze Geschichte jetzt am besten angehen sollte. Die drei Pakete, die sich auf dem ersten Blick aus Erdnüssen, Kohlrabi und Karottenschnitten und Rote Beete (weil blutig und komische Konsistenz, wenn gekocht) zusammensetzen, sollen das Gesehene mit dem Geschmackssinn verbinden. Der Brief führt uns in das Geschehen ein und lenkt unseren Blick auf den Link zum VIMEO-Clip. Nach einigen ikonischen Szenen aus Horrorszenen und Horrorkomödien (>wie etwa den hier<) wird man, in Form von Manuel Pellegrinis CGI-Mund zum Verzehr der Erdnüsse aufgefordert, die doch tatsächlich mit Curry gewürzt sind! Nach gut 12 Minuten ist die Performance auch schon wieder vorbei und ich muss tatsächlich zugeben, dass ich die rote Beete nur bis zur Hälfte gegessen habe. Der Ekel stieg mir dann tatsächlich zu Kopf. Well played, sir. Well played.

Aber warum zieht man sich sowas überhaupt rein? Horror in Krisenzeiten, echt jetzt?

Dazu gibt es im Grunde mehrere Erklärungsansätze. Blättert man durch einschlägige Fachliteratur, findet man zahlreiche Begründungen um das Vergnügen an Horrofilmen und dem Schrecklichen. Querverweise auf die Aristotelische Poetik passen da genauso rein, wie auch die angebliche kathartische Wirkung von Horrofilmen und dem Schrecklichen, oder auch, dass Horror, oder in diesem Fall eben Horrofilme, dabei helfen sollen, Ängste in einem sicheren Setting zu erkunden. Legt man das jetzt richtig aus, und baut man bei diesem ganzen Plädoyer für die Schönheit des Schrecklichen auch noch den Umstand bei, dass wir uns in noch nie dagewesenen Zeiten befinden, in denen kein Stein auf dem anderen bleibt, dann haben wir einen astreine Beweis dafür, dass ein solches Splatter-Foodie-Abenteuer gerade wie die Faust aufs Auge, oder eben der Speer durchs Auge passt. Auch, wenn hier natürlich nichts gerechtfertigt werden will. Denn am Ende des Tages ist es mit solchen Begründungen, warum man Lust darauf hat, sich solche blutige Gemetzel im TV anzusehen, halt aber eben genau das: Eine Rechtfertigung für Unterhaltung und sowas brauchen wir im Moment eben genau nicht.

Um die Frage nach dem Grund für Brutalitäten, Blut und Gedärmen in der Popkultur ein für alle Mal zu klären, möchte ich auf ein Zitat des großen Philosophen und Geschichtenerzählers Quentin Tarantino zurückgreifen, als er eben genau diese Frage beantworten sollte: ‘Cause it’s so much fun, man.

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