#1: Dunkle Zeiten, dunkle Ecken

Hier sind wir also, LanaLive hat seinen Anfang genommen. Damit geht eine lange Vorbereitungszeit voller Sorgen und Ungewissheiten um die Zukunft dieses einzigartigen Projekts zu Ende. Die Auswirkungen der Pandemie lassen sich offensichtlich auch in der diesjährigen Ausgabe spühren. Normalerweise findet das Festival ja im echten Leben, und nicht im Internet statt. Nun haben Katrin und Hannes die Notwendigkeit des Festivals aber erkannt und deshalb alles daran gesetzt, dass es trotzdem stattfinden kann. Dabei wurden neue kreative Wege gefunden, damit die Künstlerinnen und Künstler trotzdem ihre Arbeit präsentieren und mit den Menschen kommunizieren zu können. Wege, die sich außerhalb der üblichen Facebook-Livestreams und Instagram-Story-Diskussionen befinden auch wenn es davon natürlich auch ein paar gibt. Tatsächich hat man es sogar geschafft die Besucherinnen und Besucher des Festivals aktiv daran Teil haben zu lassen, ohne wirklich irgendwie die eigene Wohnung verlassen zu müssen. Wirklich cool.

Hannes hat mich im letzten Jahr, als ich im Zuge der Veröffentlichung meines ersten Buches bei der Podiumsdiskusison “Schwarzschmied Talks & More” eingeladen war, gefragt, ob ich denn nicht Zeuge für LanaLive werden will. Damals war ich mir nicht ganz sicher, ob ich denn der richtige dafür sei. Mein Leben bestand bis Februar nämlich aus unzähligen Kilometern auf dem österreichischen und italienischen Zugstreckennetz, da ich in Wien und Südtirol lebte und arbeitete. Ich bin viel gereist und hatte notgedrungen ein recht flexiles Leben. Aktuell bin ich das erste Mal seit 8 Jahren mehr als drei Monate durchgehend in Südtirol, was eben auch einer der triftigen Gründe für meine Unentschlossenheit damals war. Wie sollte ich denn schließlich ein zehntägiges Festival beobachten, wenn ich gar nicht mal hier bin um beim Festival selbst dabei zu sein? Nun, wir haben dann ja gesehen, wie sich die letzten Monate gestaltet haben.

Verkatert

Nachdem wir nun irgendwie das Schlimmste überstanden haben (ja, ich bin mir auch nicht sicher), komme ich mir gerade so vor, als würde ich langsam aber sicher, den längsten Kater aller Zeiten, nach einer langen, sehr langen, Partynacht abschütteln. Meine Realität fühlt sich im Moment noch etwas vage und unnahbar an. So wirklich habe ich noch nicht begriffen, dass wir uns schon auf Halbweg ins “normale” Leben befinden. Ich meine, mittlerweile kann man sogar wieder zum Kaffeetrinken in die Stadt fahren. Zwar mit Plexiglas und Schutzmaske, aber trotzdem!

Was ich auch interessant finde, ist, dass sich mein angepasstes Lockdown-Leben quasi auf die “neue Realität” nahtlos übertragen ließ. Ich habe mir direkt beim Beginn der Quarantäne einen fixen Tagesablauf angewöhnt, weil ich es für eine gute Idee hielt und weil ich irgendwann in einem Roman über einen unschuldig Inhaftierten gelesen habe, dass das ein probates Mittel sei, seine Isolation best möglichst zu überstehen. Die Zeit würde so wie im Flug vergehen, und ja, das ist das wichtigste, man hätte keine Zeit darüber nachzudenken in welchem Schlamassel man da gerade steckt. Und tatsächlich: Ich glaube ich habe es noch nie erlebt, dass vier Monate so dermaßen schnell an mir vorbei sind. Jetzt muss man natürlich dazu sagen, dass der “rigide Tagesablauf” auch seine flexiblen Seiten hatte. Ich war zum Beispiel regelmäßig Teil von Skribbl-Abenden (Skribbl ist eine Art Montagsmaler-Klon im Internet) mit Freunden aus aller Welt, was die ganze Sache zumindest auch unterhaltsam machte. Aber eben nicht unbedingt real. Interessanterweise, war dann der erste Kontakt mit meinen Kumpels nicht so außergewöhnlich, wie ich es erwartet hatte. Ich vermute, dass die soziale Überbrückung in den Social-Media-Kanälen tatsächlich Wirkung gezeigt haben könnte. Ein Umstand, der mir irgendwie nicht ganz geheuer ist.

Videocalls

Was mit dem Lockdown unweigerlich einherging, waren Videocalls. Viele Videocalls. Videocalls mit Freunden, Videocalls mit Familie, Videocalls mit Arbeitskollegen und und und. Der letzte Call, den ich hatte, fand mit dem Team von Dunkle Ecken, um Sophie Lazzari und Annika Terwey statt. Die Beiden wohnen in Berlin und studieren an der Universität der Künste. Sophie macht Grafikdesign, Annika widmet sich hingegen dem Mediendesign.

Der Talk war kurz, prägnant und außerordentlich interessant. Man hätte nicht wirklich behaupten können, dass sich auch nur einer der Teilnehmenden außerhalb des Spektrums „unglaublich sympathische und unglaublich talentierte Menschen“ bewegt hätten. Alle waren sehr interessiert daran, was der jeweils andere zu sagen hatte, was in der Kunstwelt, zumindest nach meiner Erfahrung nicht sehr oft vorkommt.

Die Eröffnung

Das war gestern, oder viel mehr vorgestern. Gestern fand dann die Ausstellung statt, die mit der Livesendung auf Radio Tandem ihren Anfang genommen hat. Die Ausstellung hätte eigentlich im Real Life stattfinden sollen, wurde dann aber komplett für den digitalen Raum mit Webseiten, Social-Media-Seiten, interaktiven Live-Streams noch viel mehr Pipapo umgebaut. Ich will mir hier an dieser Stelle nicht herausnehmen, irgendwas zu kritisieren, was wahrscheinlich unter viel Mühe aufgezogen wurde, schließlich bin ich kein stifteschwingender, Schnurrbart- und Barett-tragender Kunstkritiker. Außerdem soll die Ausstellung ja auch jeder selbst erleben. Eine Möglichkeit, die der digitale Raum noch viel mehr provoziert. Vor dem Laptop zuhause hat man schließlich seine Ruhe.

Dunkle Ecken beschäftigt sich mit dem Thema der psychischen Gesundheit. Das passiert so wunderschön kreativ und einzigartig, dass sich ein Abstecher auf die Webseite allemal lohnt. Alleine schon deshalb, weil das Thema psychische Gesundheit gerade in Covid-Zeiten topaktuell ist, und weil wir in Südtirol auch vorher nicht unbedingt eine flächendeckende, psychische Utopie zu verzeichnen hatten.

Die Ausstellung, die sich mit rund 17 Exponaten das größte Event von LanaLive ist, baut auf kein direktes, zusammenhängendes Narrativ auf, sondern ergibt sich durch eine Vielzahl visueller Erzählsituationen auf ihrer Webseite. Die Ausstellung läuft noch bis zum 31. Mai auf http://www.dunkleecken.it und ist jetzt schon wunderbar erfolgreich. Alleine in den letzten 24 Stunden hat die Webseite mehr als 300 Besucher verzeichnen können.

Dunkle Ecken
Von Sophie Lazzari und Annika Terwey
http://www.dunkleecken.com
21.-31. Mai