#4: Geräusche

Es liegt wahrscheinlich in der Natur der Dinge, dass man bestimmte Exponate und Events eines Kunstfestivals nicht augenblicklich und sofort versteht. Insbesondere dann, wenn man nicht vom Fach ist, oder eben etwas komplett anderes erwartet hatte. Es war Montagabend, als Manuel Oberkalmsteiner und Matthias Keitsch im Kulturprogramm von Radio Sunshine auftraten, wobei die Emphase hier ganz klar auf Montag liegt. Der Hass auf diesen Wochentag manifestiert sich eben dann ganz gut, wenn er seine gesamte Schönheit schon den ganzen Tag über vor einem niederknallte und in wunderbar stechenden Kopfschmerzen, die zwar noch nicht ganz da waren, aber sich so langsam anbahnten, gipfelte.

An diesem Montagabend stand aber noch ein Event an, deswegen habe ich den Livestream von Radio Sunshine aufgemacht und darauf gewartet, dass Manuel Oberkalmsteiner und Matthias Keitsch drankommen. Nachdem Barbara, das ist die Radiomoderatorin von Radio Sunshine und so ganz nebenbei eine der coolsten Moderatorinnen überhaupt, das Duo anmoderiert hat, war ich mir noch nicht sicher, was mich erwarten würde. Nach kurzer Zeit entwickelte sich eine ziemlich besondere Soundkulisse. Sie hatte, und das war wohl auch meinen Kopfschmerzen zu schulden, einen Effek auf mich wie ein Zahnarztbohrer der sich in meine Hirnwindungen einfräste. “Ich meine, ich weiß ja, dass das alles gut gemeint ist,” dachte ich mir, “Aber Störgeräusche an einem Montag um 19 Uhr Abends? Das ist zumindest mutig, ich will mehr hören.”

Und tatsächlich, nach gut einer viertel Stunde verlief die anfängliche Verwunderung um den Inhalt der Sendung und damit auch mein Kopfschmerz im Sand. Vor mir aufgetan hat sich ein wunderbares Klangerlebnis, das mich mit zunehmender Sendezeit überraschte. Die Störgeräusche wurden klarer und Matthias Keitschs Interviews, die in die Songs eingebaut waren, fügten sich langsam aber sicher zu einem Gesamtbild zusammen, dass einen interessanten Blick auf Lana und seine Bewohnern warf. Ich weiß nicht, was da gerade passiert war, aber es fühlte sich gut an. Als ich mich fast schon in einem meditativen Zustand befand, riss mich Barbara raus und blies zum Interview mit den beiden.

Im Interview erzählt Keitsch, oder eben Manuel, das weiß ich an dieser Stelle nicht mehr, dass das Werk eben in dieser Form als Premiere gezeigt wurde und – und das ist der Knackpunkt bei der Sache – so nie mehr gehört werden wird. Das Ding war also eine einmalige Liveperformance von 20 Minuten, die aus 10 Stunden (!) Audiomaterial zusammengestellt wurde. Das ist, abgesehen von der Schieren Menge an Interviews auch insofern beachtlich, da wir dadurch unweigerlich eine Diskussion über den Wert der Einzigartikeit der Kunst und in digitalen Zeiten auslösen.

Wenn wir uns überlegen, dass das Stück nur ein einziges Mal so zu hören war, dann haben wir dazu zwangsläufig einen anderen Zugang, als zu den inflationär gehandelten Medien in der Social Media Welt. In einer Welt in der der Wert der Kunst, durch die technischen Möglichkeiten, die sich in unserer Gesellschaft heute erstaunlich, wirklich erstaunlich stark, über einen demokratischen Grundwert verteilt haben, können wir hier jetzt zwei verschiedene Standpunkte einnehmen. Zum einen bedienen wir ein pessimistischen Stereotyp, wenn wir behaupten, dass der Grundwert eines Kunstwerks durch seine inflationäre Verteilung an die Welt da draußen einen Großteil seines künstlerischen Wertes verliert. Wir erinnern uns an dieser Stelle an die Hipster der frühen 2010er-Jahre. Die, alle Kunst, Film, oder eben Musik, die es aus der Szene hinaus in den Mainstream schaffte, sofort als Verrat an der Sache angesehen haben. Die Masse ist dumm, genau so, wie ihr Geschmack. So oder so ähnlich lautete der damalige Grundtenor, der die Richtung einer ganzen Hörerschaft vorgab.
Nachdem wir uns an diesem Punkt aber alle irgendwo ertappt fühlen, können wir auch davon ausgehen, dass die Qualität der Musik nicht mit ihrem Bekanntheitsgrad sinkt.

Die Performance von Matthias und Manuel war ein Erlebnis, das in dieser schnelllebigen Zeit, in der wir nur mit dem Finger swipen müssen um zum nächsten Programm zu kommen, nicht unbedingt sofort Platz findet, weil man sich eben auch damit beschäftigen muss und die Zeit dafür ist eben nicht immer gegeben. Aber eben genau das macht auch die Schönheit hinter solchen Performance aus.

Die Liveperformance inklusive der Interviews wird am Sonntag, 31. Mai um 11 Uhr auf Radio Sonnenschein wiederholt.

Fotos: Flyle

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#3: Blutiges Wochenende

Im letzten Beitrag meiner Zeugschaft für LanaLive ging es um die Eislöcher von Ackpfeif und ihr sozialkritisches Potenzial. Wenn sie den Beitrag gelesen haben, dann wissen sie wahrscheinlich, was ihnen jetzt bevorsteht. Sie haben aber Glück, der heutige Beitrag nämlich einen Ticken mehr Substanz, auch wenn es anfänglich wahrscheinlich nicht den Anschein machen wird. Löcher finden sie in diesem Beitrag nicht, dafür aber eine ganze Menge blutiges.

LanaLive hat sein erstes digitales Wochenende hinter sich und hat damit einen ordentlichen Meilenstein erreicht, der vor ein paar Wochen so noch gar nicht realistisch war. Auch wenn es die sonnigen Temperaturen und die Masken, die nur mehr lasziv, angepasst an ebendiese Temperaturen, von den Gesichtern hängen, nicht den Anschein machen, so befinden wir uns immer noch inmitten einer weltweiten Pandemie mit mehr als einer viertel Million Toten. Die Krise macht, auch wenn es, wie gesagt, nicht so aussieht, auch im Frühling keine Pause, sondern verlangsamt sich höchstens ein Stück weit und gibt uns eine kleine Verschnaufpause. Wie viele Analysten nämlich vermuten, können wir davon ausgehen, dass es in absehbarer Zeit zu einer zweiten Welle kommen wird. Auch deshalb, weil es noch nicht abzuschätzen ist, ob wir denn überhaupt auf eine massentaugliche Impfung erreichen, wie dieser >Guardian-Artikel< anschaulich erklärt. Es ist also klar, das nichts klar ist, außer eben, dass wir in der Krise stecken.

Da es mir hier aber nicht darum geht, dass wir uns hier über den aktuellen Stand der Pandemie unterhalten und weil wir schließlich auch mitten im coolsten transdisziplinären Kunst- und Kulturfestival stecken, dass Südtirol westlich der Etsch zu bieten hat, sollten wir uns, zumindest bis zum übernächsten Absatz, keine weiteren Gedanken darüber machen.
Am Samstag fand die Uncanny Eatery statt, die definitiv eines meiner persönlichen Highlights des ganzen Festivals war. Alleine aufgrund des Umstandes, dass es Manuel Pellegrini es geschafft hat, die Eatery vom mittlerweile bis zur Gänze ausgeschlachteten Live-Stream-Prinzip auszubrechen zu lassen und für eine weitere Dimension zu sorgen macht das Ganze in seiner Summe zu einem ziemlich coolen Erlebnis.

Manuels Performance hat sich aus drei Säulen zusammengesetzt, die sich zusammen zu einem wunderbaren Splatterfest ergeben haben. Manuel hat dabei nicht auf billige Schockeffekte verzichtet, sondern hat diese Schockeffekte in schönster hedonistischer Weise zelebriertBlut und Gedärme als Appetitanreger quasi. Kenner würden hier Parallelen zu Ruggero Deodatos Cannibal Holocaust spinnen, aber darauf verzichten wir jetzt einfach mal, weil wir a) unser Filmgeek-sein außen vor lassen und b) noch eine ganze Menge vor uns haben. Am Anfang der Performance sitzt man mit einem Brief in der Hand und einem offenen VIMEO-Tab am Bildschirm und überlegt sich, wie man denn die ganze Geschichte jetzt am besten angehen sollte. Die drei Pakete, die sich auf dem ersten Blick aus Erdnüssen, Kohlrabi und Karottenschnitten und Rote Beete (weil blutig und komische Konsistenz, wenn gekocht) zusammensetzen, sollen das Gesehene mit dem Geschmackssinn verbinden. Der Brief führt uns in das Geschehen ein und lenkt unseren Blick auf den Link zum VIMEO-Clip. Nach einigen ikonischen Szenen aus Horrorszenen und Horrorkomödien (>wie etwa den hier<) wird man, in Form von Manuel Pellegrinis CGI-Mund zum Verzehr der Erdnüsse aufgefordert, die doch tatsächlich mit Curry gewürzt sind! Nach gut 12 Minuten ist die Performance auch schon wieder vorbei und ich muss tatsächlich zugeben, dass ich die rote Beete nur bis zur Hälfte gegessen habe. Der Ekel stieg mir dann tatsächlich zu Kopf. Well played, sir. Well played.

Aber warum zieht man sich sowas überhaupt rein? Horror in Krisenzeiten, echt jetzt?

Dazu gibt es im Grunde mehrere Erklärungsansätze. Blättert man durch einschlägige Fachliteratur, findet man zahlreiche Begründungen um das Vergnügen an Horrofilmen und dem Schrecklichen. Querverweise auf die Aristotelische Poetik passen da genauso rein, wie auch die angebliche kathartische Wirkung von Horrofilmen und dem Schrecklichen, oder auch, dass Horror, oder in diesem Fall eben Horrofilme, dabei helfen sollen, Ängste in einem sicheren Setting zu erkunden. Legt man das jetzt richtig aus, und baut man bei diesem ganzen Plädoyer für die Schönheit des Schrecklichen auch noch den Umstand bei, dass wir uns in noch nie dagewesenen Zeiten befinden, in denen kein Stein auf dem anderen bleibt, dann haben wir einen astreine Beweis dafür, dass ein solches Splatter-Foodie-Abenteuer gerade wie die Faust aufs Auge, oder eben der Speer durchs Auge passt. Auch, wenn hier natürlich nichts gerechtfertigt werden will. Denn am Ende des Tages ist es mit solchen Begründungen, warum man Lust darauf hat, sich solche blutige Gemetzel im TV anzusehen, halt aber eben genau das: Eine Rechtfertigung für Unterhaltung und sowas brauchen wir im Moment eben genau nicht.

Um die Frage nach dem Grund für Brutalitäten, Blut und Gedärmen in der Popkultur ein für alle Mal zu klären, möchte ich auf ein Zitat des großen Philosophen und Geschichtenerzählers Quentin Tarantino zurückgreifen, als er eben genau diese Frage beantworten sollte: ‘Cause it’s so much fun, man.

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#2: Löcher

In diesem Beitrag geht es um nichts. Genauer gesagt, geht es um Löcher, obwohl die ja eigentlich auch irgendwas sind.
Diese ambivalenten Entitäten, die sich im Grunde von zweierlei Standpunkten aus beobachten lassen (Das Loch ist das Nichts, oder eben das es umgebende Etwas) spielen die Hauptrolle bei dieser Wanderung, auch wenn wir uns an dieser Stelle schon einmal darauf einstellen müssen, dass wir uns im Zwiespalt über die Hauptakteure dieser Veranstaltung befinden werden. Schließlich ist die Wanderung zu den Eislöchern von Ackpfeif ja auch eigentlich eine Wanderung zum Eis, das sich (auch im Sommer) in den Löchern befindet. Die Voraussetzungen für eine spannende Grundsatzdiskussion zum Thema Löcher und ihre Inhalte wären an dieser Stelle also definitiv gegeben, wir unterhalten uns aber Lieber über die Wanderung selbst. (Für alle, die sich in Sachen Löcherkunde fortbilden möchten, würde ich dringend Max Mayrs preisgekrönten Essay-Podcast >Projekt Clusterfuck< und die >Episode über das gleichnamige Thema< ans Herz legen.)

Ich erlaube mir hier, alle blutigen Details der Wanderung, wie Beschreibungen über sich am Wegesrand säumende Pflanzen auszusparen, da sowas bereits bis zum Exitus in jedem existierenden Wanderführer ausgeschlachtet wurde und das machen wir hier eben einfach nicht. Verklagt mich. Dafür unterhalten wir uns aber über den edgy Undergroundcharakter dieser anscheinend ordinären Wanderung, die ihren künstlerischen Anspruch zwischen unheimlichen Essensevents, avantgardistischen Kunstexponaten und Kunsthochschul-Techno verteidigen muss.

Wenn wir uns normalerweise im südtiroler Kontext einer Wanderung bewegen, dann kann es gerne passieren, dass uns das Bild einer vierköpfigen Familie in den Kopf kommt, die sich manisch über die heimischen Wanderwege hermacht, bevor sie über den heimischen Speck herfällt. Das ist bei dieser Wanderung im ersten Moment nicht anders, da das bundesdeutsche Wort “Wanderung” ein solches Bildnis  gerne eben mal evoziert. Da wir aber den Charakter unseres schönen Festivals hier wie einen Nietenriemen um die Wanderung geschnallt haben, verzerrt sich dieses Bild etwas – und das definitiv zum guten.

Wenn man sich von Lana aus nach Ackpfeif begibt, oder eben wie ich, von Tisens nach Ackpfeif, ist man erstmal ratlos über den Verbleib der Eislöcher. Da man die Dinger gern auf ihren oberflächlichen Charakter als Schotterhaufen beschränkt, und sich davon eben auch einige auf dem Weg zwischen Tisens und Lana befinden, ist man sich im ersten Moment nicht so sicher, wo die Eislöcher dann auch tatsächlich liegen. Zugegeben: In Retrospektive war das YouTube-Video, das ich mir vor der Wanderung reingezogen habe, möglicherweise nicht die aussagekräftigste Grundlage für diese Wanderung, jedoch muss man bedenken, dass ich mich mit meinen 28 Jahren immer noch als Millenial beschreiben darf und deshalb natürlich jedes Internetvideo einer Landkarte, oder eben einem ellenlangen Text über die Thematik vorziehe. Digital Native hieß das, glaube ich.

Ich finde aber, dass gerade der Umstand, dass der Weg zu den Eislöchern nicht unbedingt auffällt, äußerst sympathisch ist und etwas vom Underground-Feeling hat, das wir in der diesjährigen Ausgabe von LanaLive zu bedienen versuchen. Noch dazu schleicht sich hier auch ganz leicht ein sozialkritischer Charakter ein, wenn ich das alles nicht ganz falsch deute.

Die Eigenheit einer Attraktion, die ja eigentlich keine Attraktion sein kann, weil sie eben durch ihren verborgenen Charakter kaum, oder nur wenige Leute anzieht, trifft sich hier irgendwo mit dem ambivalenten Charakter der Löcher, die ja auch nichts, aber trotzdem etwas sind. Besonders charmant wird das dann, wenn diese Attraktion noch nicht einmal bei den Anreinern bekannt ist. “Ich bezweifle, dass es hier Eislöcher gibt. Ich bin nämlich von hier,” meinte der etwas zu selbstbewusste Typ in seinem schwarzen Familienvan zu mir, während wir uns keine 200 Meter unterhalb der Löcher befanden.

Im Kern bieten wir hier keine Wanderung, sondern einen Gang in den Untergrund an. In einen Untergrund der sich über alle Stereotypen des entspannten, Sandalenurlaubs hinweg bewegt und für ein genuines Erlebnis sorgt, dass man so nicht erwartet. Das ist auch deshalb so cool (pun intended), weil dadurch auch eine Diskussion zwischen Porphysteinen über die Sinnhaftigkeit eben genau dieser touristischen Stereotypen entsteht. Schließlich sind wir im Grunde als Touristen ja auch immer auf der Suche nach ebendiesen (Pizza in Neapel, Knödel in Südtirol, Wiener Schnitzel in Wien) und regen uns dabei auch gerne mal darüber auf, dass Venedig völlig von Touristen überlaufen ist, dass die Knödel immer teurer werden und dass das Wiener Schnitzel daheim eigentlich immer viel besser schmeckt. Und irgendwo stimmt das ja auch. Wenn das alleinige Erlebnis eines kalten Loches aber gleich viel “Woahs” und “Ahs” auslöst, wie eine Wanderung entlang der Kanäle von Venedig, muss es sich das Konzept Massentourismus zumindest gefallen lassen, dass die Sinnhaftigkeit seiner Existenz in Frage gestellt wird.

>Der konkrete Weg für die Wanderung kann jederzeit hier eingesehen werden.<