#8: Essenzielles

Es hat sich seit dem Beginn der Covid-Krise viel in unserem alltäglichen Leben verändert. Menschen haben alles verloren, oder viel gewonnen, müssen sich an die neuen Lebensumstände mit Maske gewöhnen, und organisieren sich jetzt mit einer App, um nicht dem verdammten Virus einherzufallen. Eine Sache, die sich mit dieser Krise auch wieder aufgetan hat, ist die Frage nach dem Essenziellen und Lebensnotwendigen. Was das auf dieser Welt essenziell ist, und was nicht, wurde während des Lockdowns via Ministerialdekret geregelt und folgte engmaschigen Bestimmungen. So wurden beispielsweise Lebensmittelgeschäfte, Apotheken und Zeitungsläden als essenziell eingestuft. Als nicht essenziell Hotels, Sportplätze, Industriebetriebe und öffentliche Veranstaltungen. Also alles, was eine nennenswerte Menschenansammlung verursachte. Diese wirtschaftlichen Bestimmungen haben vielen Unternehmen das Genick gebrochen und die Wirtschaft in eine (wahrscheinlich) längere Bewusstseinskrise gestürzt. Die essenziellen Wirtschaften haben die Krise überstanden und werden auch die Rezession überstehen, die uns wahrscheinlich bevorsteht.

Wir lassen in der Diskussion um das Essenzielle aber tatsächlich wirklich was Essenzielles aus: Nämlich die Frage nach der Kunst und der Kultur. Die Annahme, dass Veranstaltungen wie Dorffeste (mögen sie noch so unerträglich kitschig sein), Livekonzerte oder Theaterstücke keine essenziellen Dinge sind, ist eine Annahme, die falscher nicht sein könnte. Kunst, Kultur und Musik halten den Menschen in Krisenzeiten über Wasser und sind eine der wenigen Dinge an denen jeder Zynismus, und wir wissen, davon gibt es heutzutage mehr als genug, reibungslos abperlt. Man denke nur mal an die unzähligen Museen und Galerien die wie Brotkrumen in ganz Italien verteilt sind: Millionen von Menschen strömen jedes Jahr in diese Gebäude um von den Kunstwerk, deren Wert man eigentlich gar nicht schätzen kann, in ihren Bann ziehen zu lassen. Das Gefühl für die Schönheit ist universell! Selbst nihilistische Punkrocker, die den Untergang der Gesellschaft heraufbeschwören möchten, hören sich begeistert Punkkonzerte an, weil sie in den Lyrics und in den Noten, die von den Instrumenten kommen transzendentale Bedeutung zusprechen.

Aber das ist noch nicht alles. Wollt ihr was wirklich cooles hören? Die Bedeutung von kultureller Schönheit in unserem Leben ist sogar so groß, dass sie physiologische Auswirkungen auf uns hat. WissenschaftlerInnen um Helmut Leder von der Uni Wien, haben in einer Studie herausgefunden, dass der Sinn für Ästhetik auch bei fortschreitender Alzheimererkrankung stabil bleibt. Die Alzheimererkrankungen sorgen mit fortschreitendem Krankheitsverlauf für massive Einschränkungen des Gedächtnisses, für Verlust von Erinnerungen und auch für zunehmend negative Einflüsse auf komplexe Wahrnehmungen. In der Studie wurden einer gesunden Testgruppe und Probanden, die an Alzheimer erkrankt sind, Abbildungen von berühmten Kunstwerken gezeigt. Sie wurden danach gefragt, welche von den Abbildungen ihnen am besten gefallen würden. Nach etwa zwei Wochen wurde das Experiment schließlich wiederholt. Auch wenn der ausführende Leiter des Experiments den Probanten mittlerweile völlig unbekannt war, suchten sie im Test doch das selbe Kunstwerk aus. Die Konklusion daraus ist völlig klar: Der Sinn für Schönheit bleibt auch während einem späteren Verlauf von Alzheimer erhalten.

Wir sehen also, dass die Schönheit in der Kunst und in der Kultur kein Luxusgut ist, sondern sogar unser Bewusstsein formt und unser alltägliches Leben in seinem Kern maßgeblich verändert.

Die Wichtigkeit von Schönheit lässt sich dabei aber nicht nur auf medizinischer Ebene beschreiben. 2017 (Das ist tatsächlich die letzte Erhebung, die ich zu dem Thema finden konnte) lag der Gesamtumsatz der deutschen Veranstaltungswirtschaft bei gewaltigen 4,9 Milliarden Euro. Dazu gehörten Konzerte, Comedyaufführungen, Vorträge und vieles mehr. Der positive Effekt von Veranstaltungen auf die Wirtschaft ist also auch nicht von der Hand zu weisen.

Wir sollten uns deshalb dringend zweimal an die Nase fassen, wenn wir einen vollbesetzten Flieger mit Touristen nach Malle fliegen lassen, aber definitiv jedes Konzert bis ins nächste Jahr absagen müssen. Der Mensch kann tatsächlich nicht nur ausschließlich von Brot alleine Leben. Wir brauchen die transzendentale Schönheit, die uns die Kunst und Kultur darbietet.

#3: Blutiges Wochenende

Im letzten Beitrag meiner Zeugschaft für LanaLive ging es um die Eislöcher von Ackpfeif und ihr sozialkritisches Potenzial. Wenn sie den Beitrag gelesen haben, dann wissen sie wahrscheinlich, was ihnen jetzt bevorsteht. Sie haben aber Glück, der heutige Beitrag nämlich einen Ticken mehr Substanz, auch wenn es anfänglich wahrscheinlich nicht den Anschein machen wird. Löcher finden sie in diesem Beitrag nicht, dafür aber eine ganze Menge blutiges.

LanaLive hat sein erstes digitales Wochenende hinter sich und hat damit einen ordentlichen Meilenstein erreicht, der vor ein paar Wochen so noch gar nicht realistisch war. Auch wenn es die sonnigen Temperaturen und die Masken, die nur mehr lasziv, angepasst an ebendiese Temperaturen, von den Gesichtern hängen, nicht den Anschein machen, so befinden wir uns immer noch inmitten einer weltweiten Pandemie mit mehr als einer viertel Million Toten. Die Krise macht, auch wenn es, wie gesagt, nicht so aussieht, auch im Frühling keine Pause, sondern verlangsamt sich höchstens ein Stück weit und gibt uns eine kleine Verschnaufpause. Wie viele Analysten nämlich vermuten, können wir davon ausgehen, dass es in absehbarer Zeit zu einer zweiten Welle kommen wird. Auch deshalb, weil es noch nicht abzuschätzen ist, ob wir denn überhaupt auf eine massentaugliche Impfung erreichen, wie dieser >Guardian-Artikel< anschaulich erklärt. Es ist also klar, das nichts klar ist, außer eben, dass wir in der Krise stecken.

Da es mir hier aber nicht darum geht, dass wir uns hier über den aktuellen Stand der Pandemie unterhalten und weil wir schließlich auch mitten im coolsten transdisziplinären Kunst- und Kulturfestival stecken, dass Südtirol westlich der Etsch zu bieten hat, sollten wir uns, zumindest bis zum übernächsten Absatz, keine weiteren Gedanken darüber machen.
Am Samstag fand die Uncanny Eatery statt, die definitiv eines meiner persönlichen Highlights des ganzen Festivals war. Alleine aufgrund des Umstandes, dass es Manuel Pellegrini es geschafft hat, die Eatery vom mittlerweile bis zur Gänze ausgeschlachteten Live-Stream-Prinzip auszubrechen zu lassen und für eine weitere Dimension zu sorgen macht das Ganze in seiner Summe zu einem ziemlich coolen Erlebnis.

Manuels Performance hat sich aus drei Säulen zusammengesetzt, die sich zusammen zu einem wunderbaren Splatterfest ergeben haben. Manuel hat dabei nicht auf billige Schockeffekte verzichtet, sondern hat diese Schockeffekte in schönster hedonistischer Weise zelebriertBlut und Gedärme als Appetitanreger quasi. Kenner würden hier Parallelen zu Ruggero Deodatos Cannibal Holocaust spinnen, aber darauf verzichten wir jetzt einfach mal, weil wir a) unser Filmgeek-sein außen vor lassen und b) noch eine ganze Menge vor uns haben. Am Anfang der Performance sitzt man mit einem Brief in der Hand und einem offenen VIMEO-Tab am Bildschirm und überlegt sich, wie man denn die ganze Geschichte jetzt am besten angehen sollte. Die drei Pakete, die sich auf dem ersten Blick aus Erdnüssen, Kohlrabi und Karottenschnitten und Rote Beete (weil blutig und komische Konsistenz, wenn gekocht) zusammensetzen, sollen das Gesehene mit dem Geschmackssinn verbinden. Der Brief führt uns in das Geschehen ein und lenkt unseren Blick auf den Link zum VIMEO-Clip. Nach einigen ikonischen Szenen aus Horrorszenen und Horrorkomödien (>wie etwa den hier<) wird man, in Form von Manuel Pellegrinis CGI-Mund zum Verzehr der Erdnüsse aufgefordert, die doch tatsächlich mit Curry gewürzt sind! Nach gut 12 Minuten ist die Performance auch schon wieder vorbei und ich muss tatsächlich zugeben, dass ich die rote Beete nur bis zur Hälfte gegessen habe. Der Ekel stieg mir dann tatsächlich zu Kopf. Well played, sir. Well played.

Aber warum zieht man sich sowas überhaupt rein? Horror in Krisenzeiten, echt jetzt?

Dazu gibt es im Grunde mehrere Erklärungsansätze. Blättert man durch einschlägige Fachliteratur, findet man zahlreiche Begründungen um das Vergnügen an Horrofilmen und dem Schrecklichen. Querverweise auf die Aristotelische Poetik passen da genauso rein, wie auch die angebliche kathartische Wirkung von Horrofilmen und dem Schrecklichen, oder auch, dass Horror, oder in diesem Fall eben Horrofilme, dabei helfen sollen, Ängste in einem sicheren Setting zu erkunden. Legt man das jetzt richtig aus, und baut man bei diesem ganzen Plädoyer für die Schönheit des Schrecklichen auch noch den Umstand bei, dass wir uns in noch nie dagewesenen Zeiten befinden, in denen kein Stein auf dem anderen bleibt, dann haben wir einen astreine Beweis dafür, dass ein solches Splatter-Foodie-Abenteuer gerade wie die Faust aufs Auge, oder eben der Speer durchs Auge passt. Auch, wenn hier natürlich nichts gerechtfertigt werden will. Denn am Ende des Tages ist es mit solchen Begründungen, warum man Lust darauf hat, sich solche blutige Gemetzel im TV anzusehen, halt aber eben genau das: Eine Rechtfertigung für Unterhaltung und sowas brauchen wir im Moment eben genau nicht.

Um die Frage nach dem Grund für Brutalitäten, Blut und Gedärmen in der Popkultur ein für alle Mal zu klären, möchte ich auf ein Zitat des großen Philosophen und Geschichtenerzählers Quentin Tarantino zurückgreifen, als er eben genau diese Frage beantworten sollte: ‘Cause it’s so much fun, man.

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