#9 Falsches Erwachen

Als ich heute aufgewacht bin, habe ich bemerkt, dass da eigentlich gar nichts passiert. Die Vögel auf den Ästen des Ahornbaums singen sich immer noch gemütlich durch den Tag, der kleine Brunnen vor meinem Fenster fließt immer noch, als wäre eigentlich gar nichts gewesen und ich befinde mich in einem grundlegend tiefenentspannten Zustand in meinen Shorts und meinem Kaffe in der Hand, vor dem Fenster. Als ich mich dann ins Bad begebe und an der Garderobe vorbeilaufe, fällt mir auf, dass da ein Stofffetzen auf dem Boden liegt, der mir wahrscheinlich gestern Abend beim Heimkommen aus der Tasche gefallen ist. Es war spät und mir fehlte die nötige Konzentration, mich auf die Innereien meiner Taschen zu konzentrieren. Als ich nach dem Stofffetzen greifen will, erkenne ich dass das eine Gesichtsmaske ist und es fällt mir wie Schuppen von den Augen: Wir befinden uns ja eigentlich tatsächlich immer noch Mitten in einer Pandemie. Plötzlich wurde es ganz still.

Die Vögel vor dem Fenster hörten auf, laut rumzuschreien und das Geplatscher des Brunnens, der einfach ständig läuft ohne auch nur Rücksicht auf die Wasserverschwendung zu nehmen, ist auch nicht mehr relevant. Wir stecken Mitten in einer Pandemie, aber so wirklich fühlte es sich einfach nicht danach an und jetzt, wo ich diesen Text hier schreibe, fühlt es sich auch immer noch nicht so danach an und ich weiß auch nicht. Schließlich gibt es gerade jetzt, in bestimmten Teilen in der Welt wieder erste Meldungen über ein neues Aufflammen der Krankheit und ich fühle mich etwas Schuldig, dass ich mich nicht mehr besorgt fühle.

Irgendwie kommt es mir so vor, als würden wir uns dagegen wehren, die Krankheit in unsere Realität eintreten zu lassen. Wir haben die Pandemie auf die Ersatzbank der weltweiten Probleme geschickt und bearbeiten eben andere Probleme inzwischen, da wir ja nicht wirklich was an der Krankheit ausrichten können. Dabei ist die Krise aber noch nicht überwunden, der einzige wirkliche Unterschied ist, dass wir uns mittleweile wieder frei bewegen können, ohne uns staatlich auferlegten Restriktionen unterwerfen zu müssen. Auch wenn das nicht zu hunderprozent stimmt, natürlich. Schließlich lag da ja eine Maske am Boden.

In diesem Limbus, in diesem Purgatorium der Ungewissheit, der sich gefühlt irgendwo zwischen Ferragosto und Aufbruchstimmung einreihen muss, schüren wir falsche Hoffnungen auf einen normalen Sommer und der schrecklichen Gewissheit, dass es Torbole und Jesolo mit ihren Plexiglas verstückten Scheiben tatsächlich geschafft haben, noch ein Stückweit beschissener zu werden.

Als Kreative im Geiste versuchen wir, mit der Situation klar zu kommen und Wege zu finden, unser Leben in normale Bahnen zu lenken und dabei tatsächlich trotz allem gegen die alltäglichen Ungerechtigkeiten in der Welt vorzugehen und irgendwo kann man darauf auch wirklich stolz sein. Wir nehmen Tod und Verderben hin um für Menschenrechte aufzustehen und uns mit Menschen aus anderen Kontinenten zu verbrüdern, die wir eigentlich gar nicht kennen. Das ist im Grunde großartig, wirft in der Realität trotzdem aber ein paar elementare Fragen auf, die ich hier an dieser Stelle aber nicht diskutieren will, schließlich möchte ich hier keine Abhandlung über das neue Phänmonen der weltweiten Protestbewegungen schreiben, sondern in diesem (vor-) letzten Artikel meiner Zeugschaft für LanaLive über die Zeit reden, in der LanaLive trotzdem statt gefunden hat, obwohl es alles andere als klar war, dass LanaLive statt finden würde.

Ich habe für dieses Kulturfestival nämlich nicht nur diese Texte hier geschrieben, sondern auch auf Social Media und im Radio dafür geworben und dadurch mitbekommen, wie viel eigentlich daran gesetzt wurde, dass es in diesen Zeiten statt finden konnte. Ohne hier jetzt zu sehr auf Details einzugehen, kann man sehr wohl sagen, dass es beeindruckend ist, was in den zwei Wochen während des Festivals passiert ist. Weit vorher hatte ich ein Gespräch mit Hannes Egger, das ich hier ganz ungeniert verlinke, in dem wir darüber gesprochen haben, dass diese Krise, und der Lockdown der mit ihr einherging auch immer eine Kulturkrise ist und dass sich die Kultur dauerhaft an die Krise und an unsere neue Lebenssituation anpassen wird. Mittlerweile bin ich mir darüber nicht mehr so sicher. Gerade auch deshalb, weil sich die alte Realität und der Alltag von Früher viel schneller wieder eingependelt haben, als wir es vermutet hatten.

Natürlich soll das hier keine naive schönfärberei sein, viele Menschen stehen noch immer vor dem Existenzaus oder haben jemanden durch die Krise verloren. Ich glaube aber, dass die ganze Geschichte weitaus weniger komplex ist, wie wir es vielleicht geglaubt hatten, als wir so dermaßen von den Ereignissen überrollt wurden.

Wie bereits gesagt, markiert dieser Text meinen vorletzten für LanaLive. Der letzte wird ein Gespräch mit Hannes Egger und Katrin Klotz sein, die LanaLive seit zehn Jahren zu dem machen, was es ist.

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