#6: Kleinbürgerliches

Es gibt wenige Filme, die mich im Kern so aufgewühlt habe, wie Ulrich Seidls im Keller. Der Film, der sich am Motto des heurigen LanaLive Festivals orientiert, führt einen für zwei Stunden durch die Katakomben menschlicher Abgründe und Schicksale. Der Film macht das dabei so geschickt und unprätentiös, dass der Mensch Mensch bleibt und nicht von oben herab porträtiert wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob es das Sadomaso-Pärchen ist, dass sich erstaunlich unbedeckt ablichten ließ (Was zum Geier machen die beiden bitte beruflich) oder ob es der Alte mit dem Schießeisen und dem Schießstand im Bunker ist: Während wir den Film ansehen, finden wir uns alle irgendwo im Keller wieder. Müsste ich hier die Philosophie-Kiste öffnen, würde ich wahrscheinlich parallelen zum Schatten von Carl Jung ziehen, aber das wird zu kompliziert. Wir können es darauf belassen, dass wir, entgegen des Slogans der 2010-Jahre “Aber ich habe ja eh nichts zu verbergen.”, sehr wohl alle etwas zu verbergen haben und dieses Verborgene weitaus normaler ist, als die offene Leben dass viele heute in den sozialen Medien leben.

In der Recherche zum Film habe ich herausgefunden, dass das Kapitel der kleinbürgerlichen Herren im Hitler-Keller vor ein paar Jahren, als der Film herausgekommen ist, tatsächlich für ziemlich viel Furore gesorgt haben soll. Ich weiß nicht, ob ich abgestumpft bin, aber irgendwo wundert es mich doch tatsächlich nicht, dass es solche Menschen gibt. Viel mehr wundert es mich, dass man solche Menschen noch ernst nimmt.

Sechs Jahre vor der Veröffentlichung des Films, gab es aber auch einen Skandal, den die Österreicher bis ins Mark spührten. Die Rede ist von Joseph Fritzl. Damals wurde bekannt, dass der erfolgreiche Unternehmer aus Amstetten, seine Tochter seit mehr als 24 Jahren in seinem Keller gefangen hielt und regelmäßig missbrauchte. Mehrere Inzestgeburten, manche wurden an die Schwiegereltern weitergegeben, eines wurden von Fritzl post mortem verbrannt, waren die Folge. In einem Interview mit CelluloidTV im Zuge des Venice Film Festivals 2014 wurde Seidl gefragt, ob er denn glaubt, dass der Fall Fritzl und der Fall Kampusch, die auch jahrelang im Keller von ihrem Entführer eingesperrt wurde, einzigartige, auf Österreich isolierte Phänome seien. Seidl verneinte dies und legte die erschreckend logische, aber eben doch verdrängte Möglichkeit nahe, dass wir ja tatsächlich nicht wissen würden, was denn da draußen in der Welt passiert und dass sich im Falle der beiden eben die Keller in Österreich geöffnet hätten.

Seidl spielt mit seinem Film einen voyeuristischen Blick auf die österreichsiche Unterwelt, die sich, wie er eben auch sagt, nicht unbedingt auf eine geografische Grenze konzentrieren lässt.

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