#5: Schönes

Der Proberaum im Jugendzentrum Jux, stand tatsächlich schon länger als Thema auf der Liste der Texte, die ich unbedingt irgendwann schreiben wollte. Texte, die ich bis dato aber nirgends unterbringen konnte. Früher, als ich meine ersten (ungeschickten) Gehversuche, beim Headliner der Neuen Südtiroler Tageszeitung machte, lernte ich innerhalb von zwei Jahren einen guten Teil der Südtiroler Musikszene kennen, indem ich darüber schrieb. Damals habe ich für den Headliner, das ist eine Fanzine, die jeden Freitag seit gefühlten Ionen in der Neuen Südtiroler Tageszeitung erscheint, Proberäume, Bands und eben deren Arbeiten in Form von bunten Siliziumscheiben kennengelernt. Nachdem ich heute aber beruflich in einem völlig anderen Bereich tätig bin, ist es mehr als fabelhaft, wieder mit dieser besonderen Welt in Berührung zu kommen.

In normalen Zeiten, also in Zeiten in denen wir keinem Lockdown, keiner Pandemie oder keinem Virus unterstehen, sind wir eigentlich eine Provinz, die den gesamten Sommer mit Konzerten, Festivals und musikalischen Happenings zukleistert. Was mich eigentlich auch schon vorerst zum zentralen Punkt meines Plädoyers hier bringt. Wie ich bereits angemerkt habe, betätige ich mich heute in einem anderen Feld, als noch vor zehn Jahren. Um etwas konkreter zu werden, kann ich sagen, dass ich als Creative in der Werbebranche tätig bin. De facto arbeite ich also mit Werbemitteln aller Art, was wiederum dazu führt, dass ich mich mit sehr, sehr vielen Stereotypen auseinandersetzen muss. Im Grunde mit so jeder Floskel und jeder abgedroschenen Fraße die es im Vokabular eines möchtegern Mad Man so gibt.
Textzeilen wie Und in der wunderschönen Passerstadt, lässt es sich sehr schön am Wegesrand zwischen der schönen Sissi und dem herrlichen Blütenduft flanieren oder die wunderschöne Marktgemeinde Lana besitzt eine der höchsten Lebensqualitäten sind dabei keine Seltenheitshoot me.

Was diese Dinge gerne auch mit sich bringen, ist ihr unbegrenzter Mangel an Kreativität oder die einfache Faulheit kurz Google zu öffnen um nach einem Synonym für “Schönheit” oder “Lebensqualität” zu suchen. Was ich hier also konkret kritisiere, sind die vielen, vielen Wiederholungen und Frasen, die sich im Vokabular der heimischen Werber eingeschlichen haben. Dabei sind diese einfälltigen Wiederholungen noch gar nicht einmal das Schlimmste. Das wirkliche Problem ist das Weglassen, dass dadurch entsteht. Das Weglassen wichtiger Aspekte eines Sachverhaltes. Ganz konkret auf unser Event Radon bezogen, meine ich damit das Weglassen eines der wichtigsten Aspekte der Südtiroler Kultur, nämlich der Musikszene. Jener Musikszene die über Deutschrock und Volksmusik hinausgeht.

Ich meine, bitte versteht mich nicht falsch, ich habe prinzipiell nichts gegen Volksmusik, oder eben Deutschrock. Beide haben auch irgendwie ihre Daseinsberechtigung und mit den vielen Millionen verkauften Platten wahrscheinlich sogar gar keine schwache. Die Krux bei der Sache ist aber, dass wir neben genau diesen Musikrichtungen auch ein Land sind, dass eine unglaubliche diverse und breitgefächerte Musikkultur zu bieten hat. Eine Musikkultur die nicht nur auf einem qualitativ so hochwertigem Level spielt, sondern eben auch so viel bietet, in der so immens viel Herzblut hineingesteckt wird, dass ich es fast schon beleidigend finde, dass sie keine Beachtung findet.

Lana_Live_Proberaum_2020_LQ-22

Nehmen wir zum Beispiel die post-hardcore-Band Dead Like Juliet her. Die Typen haben sich innerhalb von zehn Jahren von der netten Garage-Band von nebenan zu professionellen Musikern entwickelt, die mittlerweile regelmäßig Konzerte in Russland, Großbritannien und eigentlich in ganz Europa spielen. Oh, und wisst ihr, wo die Herren ihre Musik aufnehmen? In einem Wohnhaus, dass sie selbst zu einem professionellen Aufnahmestudio umgestaltet haben. Den Anfang hat dabei alles, wie so oft, im Proberaum vom Jux Lana genommen.

Als legendärer nicht-Ort, wo alle sozialen Ränge an der Panzertür am Eingang abgelegt werden, ist dieser Ort ein Kulturerbe. Und das meine ich zu Hundertprozent, wie es da steht. Ich kann mir partout keinen Ort in unserem Land vorstellen, der so viele Kulturschaffende hervorgebracht hat, der so viel Teil an unserer breiten Kulturlandschaft hat und der auch noch so lange und so gut, ohne größere öffentliche Zuschüsse funktioniert hat, wie dieser Proberaum.
Als ich mir die Sendung heute angehört habe, sind mir so viele Erinnerungen an Abende in diesem wunderbaren Establishment hochgekommen, dass ich fast schon melancholisch wurde.

Bevor ich hier jetzt aber in ein rührerisches Rumgejammere über die “gute alte Zeit” ausbreche, möchte ich lieber über den Herrn an vorderster Front sprechen, den Napoleons unter den Kulturschaffenden, den Gatekeeper der Melodien, den Don der heimischen Musikszene: Reinhold Giovanett. Der Mann, der die Musikszene seit Jahren an vorderster Front verteidigt, leibt, wertschätzt, ausbaut, ihr wieder auf die Beine hilft, sie analysiert und kritisiert und dafür sorgt, dass sie eine Bühne hat. Giovanett war tatsächlich mein allererster Chef in Sachen Journalismus, der Mann hat mir geholfen meine erste Erfahrungen in diesem Metier zu machen und ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass ich mich nach bestimmten Dingen in meiner Karriere umgesehen habe. Danke, Reinhold!

Die gesamte Sendung können Sie >hier< nachhören.

This slideshow requires JavaScript.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s